Ode an den Brief

19. März 2017 Allgemein, Gedanken 0
Ode an den Brief

„Sir, auf dem Postamt liegt ein Telegramm für Sie bereit“ – so ein Satz in einem alten Film bringt die meisten von uns zum Schmunzeln. Wir können es uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne E-Mail, What’sApp und Co. war.
Für ein paar Stunden in Nostalgie zu schwelgen und uns auszumalen wie es wohl damals so war mit der Kommunikation ist für die meisten dann auch ganz unterhaltsam – falls man sich überhaupt von dem Handy loseisen kann um sich ganz auf den Film zu konzentrieren 😉
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich unser Kommunikationsverhalten sehr stark geändert. Ganz ehrlich: wer verschickt denn auch noch großartig Faxe?!

Natürlich nimmt man auch nach wie vor des Öfteren den Hörer in die Hand (wobei ich privat sehr ungern telefoniere) und auch (Post-)Karten werden ab und an auf den Weg geschickt (ein Hoch auf den Urlaub/Geburtstag/Weihnachten). Was aber doch ziemlich ausgestorben ist, ist der gute alte Brief. Denkt mal nach: wann habt ihr euch zuletzt hingesetzt und handschriftlich (!) einen langen Brief verfasst? Eben…
In der Schulzeit hatte ich schon meine erste Brieffreundin, sie war die Cousine von meinem Nachbarn. Nicole war damals im Sommer zu Besuch und wir haben uns so gut verstanden, dass wir unsere kurze Freundschaft über die Jahre hinweg über eine relativ große Entfernung intensiviert haben.
Brieffreundin Nr. 2 habe ich damals mit 14 im Urlaub kennengelernt. Sie wohnte zwar in der näheren Umgebung, trotzdem haben wir uns eher selten gesehen. Die Briefe flogen aber teilweise nur so hin und her. Wir sind miteinander aufgewachsen ohne uns oft zu sehen. Haben uns von schlechten Noten, Urlauben, Jungs und allem anderen erzählt. Manchmal war auch nichts aufregendes los. Dann hat man sich eben Kleinigkeiten erzählt. Aber eingeschlafen ist der Kontakt deswegen nicht. Je älter wir wurden, desto seltener kamen die Briefe. Öfter aber auch mal ein Treffen. Wie es dann irgendwann so ist beim Erwachsenwerden, erster Wohnung usw: manche Dinge verlaufen im Sande. So auch die Briefe. Die Freundschaft zum Glück nicht. Aber es hat sich halt doch verändert: statt voll beschriebener Papierbogen kommen jetzt halt ab und an mal Nachrichten über Facebook oder Whatsapp. Weder das Ein oder Andere ist besser oder schlechter. Es ist halt anders.

Als mein Umzug von München anstand, haben eine (jetzt ehemalige) Kollegin und ich beschlossen, uns an eine Brieffreundschaft zu wagen. Sechs Monate sind um und wir sind nach wie vor in regem Austausch. Selbstverständlich ist es manchmal schwierig sich die Zeit zu nehmen und sich gezielt hinzusetzen um schöne Sätze für den anderen zu formulieren. Ausführlich wird es natürlich auch, weil ja schließlich viel passiert ist in der letzten Zeit. Ein paar Insider-Witze müssen auch noch rein. Vielleicht wird im Vorfeld auch ein schönes Papier rausgesucht und der Umschlag verziert. Klar könnte das alles einfacher gehen: Hörer in die Hand, fertig, los. Aber das wäre auch nur halb so schön. Denn jedes Mal wenn ich im Briefkasten die mir vertraute Handschrift sehe, bin ich total gespannt was es Neues zu berichten gibt. In der digitalisierten Welt zeigt so etwas doch, dass der Mensch, der die Post verschickt hat, sich bewusst Zeit für mich genommen hat. Und das gibt es leider teilweise nicht mehr so oft. Man fühlt sich besonders und wertgeschätzt. Denn ich weiß ja selbst nur zu gut, dass der Aufwand schon relativ groß ist.

Manchmal habe ich einfach keine Lust, manchmal ist der Kopf und/oder Terminkalender mit anderen Dingen voll bis obenhin und ab und zu vergesse ich es auch. Aber hey: auch wenn mal eine Antwort etwas länger auf sich warten lässt kommt sie dennoch. Und dann vielleicht umso ausführlicher. Denn es passiert schon mal, dass man in einen Schreib-Flow gerät und sich denkt: „Wow, das ist tatsächlich alles passiert in lezter Zeit?!“. Die Zeit um zu reflektieren hat man im Alltag oft nicht. Beim Schreiben jedoch denkt man viel über sich und die vergangen Tage/Wochen/Monate nach. Und manchmal ist mir etwas wieder eingefallen, dass sich irgendwie verflüchtigt hatte.

Natürlich ist das Schreiben von Briefen nicht jedermanns Sache, kann ich durchaus verstehen. Aber wie wäre es denn ab und zu mal mit einer Postkarte?! 😉


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