Online-Dating für Anfänger

27. Dezember 2016 Allgemein, Gedanken 0
Online-Dating für Anfänger

Vor Kurzem abends in der Bar. Ich habe mich mit einem alten Freund getroffen, den ich zwar nicht oft, aber dennoch regelmäßig sehe. Das letzte Mal ist schon etwas her. Was es Neues gibt, wie es denn so läuft. Jeder erzählt von seinem aktuellen Status Quo. Arbeit ist wie immer, ein paar Reisen stehen nächstes Jahr an. Wie es denn so mit seinem Liebesleben aussieht? Alles beim Alten. Single, seit Langem. Nach einer langjährigen Beziehung, die in die Brüche ging, folgten einige kurze Liebschaften, nie war die Richtige dabei. Das war auch okay so. Nur in letzter Zeit fühlt er sich etwas allein, flüstert er mir verstohlen zu. Er ist ja mittlerweile auch schon Mitte 30. So als müsste man sich dafür schämen.

Dann schiebt er nach: Er hat sich jetzt auf einem Online-Dating-Portal angemeldet. So verzweifelt ist er. Ob das denn schlimm sei? Die meisten in seinem Freundeskreis sind vergeben, sehr viele bereits verheiratet und immer mehr bekommen Nachwuchs. Er fühlt sich dadurch zwar nicht ausgegrenzt aber auch nicht richtig „ganz“ – ihm fehlt etwas. Kein Ring am Finger, kein Kinderwagen sondern ein Partner auf Augenhöhe, mit dem man die schönen und nicht so schönen Dinge im Leben teilen kann. Ob ich denn weiß was er meint, fragt er mich mit großen Augen.

 

Ja, das weiß ich und schlage innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Diese Wörter „schlimm“ und „verzweifelt“. Wie leicht man sich selbst dadurch abstempelt und runter macht. Dabei finde ich es alles andere als verwerflich, es mit der Partnersuche auf diesem Weg zu probieren. Ab einem gewissen Alter sind nun mal sehr viele schon in festen Händen. Dem „Rest“ haftet oft der Stempel an, dass mit denen ja was nicht stimmen kann. Sonst wären die ja schon lange weg vom Markt. Was bei meinem Freund noch hinzu kommt, ist sein Wohnort. Die Stadt ist nicht gerade riesig, jeder kennt jeden, man hat mit vielen eine gemeinsame Vergangenheit oder hat Freunde die schon mal mit dem Objekt der Begierde eine Liaison hatten. Also kann sich die Partnersuche vor Ort ein bisschen schwierig gestalten. Warum Online-Dating immer noch so ein mieses Image hat, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wahrscheinlich liegt es nicht einmal an den Plattformen an sich sondern an dem Punkt, dass sich der Suchende damit ja öffentlich eingesteht, dass er mit der aktuellen Situation nicht glücklich ist und gerne einen Partner hätte. Sich eine Schwäche eingestehen macht ja niemand gern. Vielleicht sieht man es auch als persönliches Versagen an, es auf dem herkömmlichen Weg nicht geschafft zu haben.
Aber sind wir mal ehrlich: die meisten von uns wünschen sich jemanden an seiner Seite, mit dem man durch Dick und Dünn gehen kann. Die wenigsten geben es offen zu. Deshalb ziehe ich meinen Hut vor meinem Freund. Ja klar, vielleicht gerät er an die totalen Dumpfbacken. An Frauen, die real ganz anders sind als in ihrem Profil. Aber hey: vor solchen Sachen ist man auch bei einem klassischen Kennenlernen nicht gefeit. Ob derjenige zu einem passt, weiß man nun mal in der Regel nicht gleich nach dem ersten Date. Und duch die Online-Welt werden einem sooo viele neue Türen geöffnet, die es vor der eigenen Haustür wahrscheinlich nicht gibt.

 

Also hey – was gibt es schon zu verlieren? Außer vielleicht ein klein wenig Stolz nicht sehr viel. Gewinnen gibt es allerdings so einiges: im besten Fall die große Liebe, im schlimmsten Fall ein paar witzige/skurille Anekdoten die man bei einem Bar-Abend mit seinen Freunden teilen kann bis die Lachtränen kullern. In diesem Zug erinnere ich ihn auch an meine kurze Tinder-Vergangenheit. Ich habe mich dort für ein paar Monate köstlich unterhalten ohne mich tatsächlich mit jemandem getroffen zu haben. Ja, es waren ein paar seltsame Typen dabei aber die meisten waren schon coole Socken. Aber für meinen damaligen Lebensabschnitt hat das gepasst und ich habe mir so die Zeit ganz entspannt vertrieben, bis ich auf „normalem Weg“ auf meine bessere Hälfte gestoßen bin. „Oh ja stimmt“, sagt er und grinst in sich hinein. In Gedanken ist er sicher schon online.


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